Trailerboote: eine Taxanomie

Ein sehr wesentliches Segment des Wassersports sind trailerbare Motorboote – trailerbar deswegen, weil es dem Eigner unterschiedlichste Reviere von Seen und Flüssen bis zu Nord- und Ostsee und dem Mittelmeer erschließt. Trailerboote sind aber nicht gleich Trailerboote. Daher möchte ich insbesondere für Einsteiger eine Einordnung der unterschiedlichen Typen und ihrer spezifischen Eigenschaften vornehmen. Kein Anspruch auf Vollständigkeit – aber die wichtigsten Bauformen sind dabei.

Trailerboote: Maximalgewicht

Das relevanteste Kriterium für Trailerboote ist das Gewicht. Die bei PKWs gängige „Anhängerzugvorrichtung“ (Anhängerkupplung) – der Kugelkopf – hört bei 3,5 Tonnen Anhängelast auf. Zwar kann man auch an einigen wenigen PKWs eine Rockinger-Kupplung montieren (die mehr als 3,5to Zuglast verträgt). Allerdings brauchen Anhänger ab 3,5to auch eine durchgängige Bremse, das erfordert einen Druckluftkompressor im Auto. Außerdem ist der aktuell größte PKW-Anhängerschein, BE, ebenfalls auf 3.500kg zulässige Gesamtmasse beschränkt. Nur wir alten Klasse-3-Inhaber können uns also über mehr überhaupt Gedanken machen.

Trailerboote: Maximalbreite

Eine zweite Einschränkung ist die Breite. §22 StVO regelt 2,55m als höchstzulässige Breite von Anhänger und Ladung. Gemäß §70 StVZO sind Ausnahmegenehmigungen (auch dauerhaft, gebührenpflichtig) bis 3,00m möglich, bspw. für Brandenburg. Das ist jeweils Ländersache. Da ein 3 Meter breites Boot i.d.R. ohnehin zu schwer ist, ist das in der Praxis ausreichend. Bitte beachte aber, dass diese Ausnahmegenehmigung national gilt; in Kroatien bedarf es beispielsweise bereits ab 2,55m Breite eines obligatorischen Begleitfahrzeugs.

Zugfahrzeuge

Allerdings reden wir in der Klasse ab ca. 2,2to bis 3,5to schon über Zugfahrzeuge, die entweder reinrassige Geländewagen oder aber die inzwischen vielerorts vorhandenen SUV sind (oder Vans). Wer also die 3,5to ausreizen möchte, muss sich darüber im Klaren sein, dass er auch für den Rest des Jahres mit einem nicht unbedingt wirtschaftlichen Auto unterwegs ist. Ob das dann ein neuer Porsche Cayenne oder ein Nissan Terrano II aus den 90ern ist, hängt vom persönlichen Autobudget ab.

Erfüllt das Auto hingegen vorrangig einen anderen Zweck und soll nur gelegentlich auch für Trailerboote verwendet werden, ist im Bereich 2.000kg Anhängelast (Passat, 5er BMW, E-Klasse, Mondeo je nach Ausstattung [Motor, Getriebe, Allrad]) normalerweise Schluss. Zieht man die knapp 500kg für einen typischen Tandemtrailer mit 2.000kg zulässigem Gesamtgewicht ab, bleiben also 1.500kg Nutzlast für das Boot, den Motor und die Ausrüstung. Das entspricht der 18- bis 21-Fuß-Klasse (1 Fuß ist ungefähr 30cm, also grob durch drei geteilt: 21 Fuß sind also sieben Meter).

Im Wasser so klein, an Land so groß: 6m Trailerboote machen gut und gern 8,5m Trailer = 13,5m Gespannlänge

2to Lebendgewicht am Haken: ein typisches Trailerboot auf Tandemtrailer

Am anderen, unteren Ende beginnt das Spiel bereits bei ca. 500kg – unser erstes Trailerboot (4m, 40 PS Außenborder) stand auf einem ungebremsten Einachsanhänger mit gerade einmal 180kg Lebendgewicht. Das lässt sich auch mit Corsa und Co. ziehen, schränkt die Auswahl aber brutal ein.

Slippen am Rhein: ein bisschen weiter rein wäre auch ok gewesen

(ganz) kleine Trailerboote

Wer – aus welchen Gründen auch immer – in Sachen Anhängelast stark limitiert ist, hat auch in Sachen Bootstyp wenig Auswahl. Angefangen bei Mini-Flitzern wie einem Vieser Moskito (Google Bildersuche) oder einem Hellwig Puck bis zu kleinen Konsolenbooten (s.u.) reicht die Palette, das war es aber auch schon. Kajüte oder Badeplattform sind der schwereren Klasse vorbehalten. Vorteil dieser Größe ist, dass diese Boote in einer Standardgarage oder einem Tiefgaragenstellplatz in der Regel noch unterzubringen sind.

Aber der Fokus hier sollen Trailerboote in der Klasse zwischen 1 und 1,5 Tonnen Lebendgewicht, also 1.500kg bis ca. 2.000kg Anhängelast sein – die „Brot-und-Butter-Klasse“ der Trailerboote.

Innenborder vs. Außenborder

Eine Reihe der folgenden Trailerboote gibt es wahlweise mit Innenbordmotor oder Außenborder – manchmal sogar ein und denselben Bootstyp (bspw. Karnic 2250 (AB) vs. 2260 (IB)). Der Innenborder hat eine etwas günstigere Gewichtsverteilung (dafür insgesamt das höhere Gewicht) und reicht in größere Leistungsbereiche hinein. Außerdem gibt es ihn als Diesel. Der Außenborder ist leichter zugänglich (ggfs. aber trotzdem pusseliger bei der Wartung), nahezu immer ein Benziner und verfügt i.d.R. über das modernere Motorendesign. Wer nicht partout einen Diesel will, ist in Bezug auf Trailerboote mit beiden gut bedient.

Trailerboote: der Bowrider / Openbow

Viele Menschen auf wenig Boot transportieren – dafür ist der Bowrider / Openbow prädestiniert. Wie der Name (übersetzt) schon sagt, verfügen diese Boote über einen offenen Bug: kein Platz übrig für eine Kajüte, ein Chemie-WC (es sei denn, man mag sein Geschäft an der Sonne verrichten) oder ein Tischchen, aber dafür maximale Anzahl Sitzplätze:

Bowrider – viel Platz, keine Übernachtungsmöglichkeit, hier in der Version mit einem Innenborder mittig in der Rückbank

Bowrider – gleicher Grundriss, anderes Boot

Ob die Sitze vorn dazu eher als Sitzbank oder als Lümmelecke ausgeprägt sind, ist Geschmackssache. Ebenso die Rückbank: unabhängig vom sonstigen Design ist diese in der Innenborderversion wie oben auf den Bildern entweder zweigeteilt und durch einen „Motorkoffer“ unterbrochen, oder aber durchgehend mit einer breiten Motorklappe dahinter. Letzteres Design verkleinert die Plicht, steuert aber eine Sonnenliege bei (wie bei unserem Boot, kein Bowrider):

Daycruiser mit durchgehender Heckbank

Bowrider eignen sich für einen sonnigen Tag auf dem Wasser, mit vielen Leuten, ein bisschen Wassersport (Wasserski, Banane fahren), aber werden ungleich unpraktischer, wenn das Wetter kippt und/oder eine Übernachtung ansteht – das ist einfach nicht ihr Metier. Sechs bis acht Leute auf unter sechs Meter Rumpflänge zu transportieren ist hingegen kein Problem (erfordert dann aber auch irgendwann ein bisschen Leistung: mit einem 40-PS-Außenborder ist das dann ein Angelkahn und kein Sportboot mehr).

Ein Bowrider ist also das perfekte Trailerboot, wenn es zu einer Übernachtungsmöglichkeit kombiniert wird (Ferienhaus, Wohnmobil) und Gäste ein relevantes Thema sind. Auch zum Angeln bieten sie viel Platz. Als Tourenboot hingegen sind sie mit vielen Kompromissen verbunden.

Trailerboote: das Kajütboot / der Daycruiser / Overnighter

Will man die Nachteile eines Bowriders – Wetterempfindlichkeit und fehlende Übernachtungsmöglichkeit – vermeiden, tauscht man den offenen Bug gegen eine Schlupfkajüte und erhält ein Kajütboot (oder auch Daycruiser, Overnighter). Jetzt wird es bei mehr als fünf Leuten an Bord eng, wenn sie draußen sitzen wollen. Dafür können zwei bis drei gut miteinander vertraute Menschen auch mal übernachten. Unser Seestern ist ein solcher Daycruiser:

das etwas erhöhte Vordeck beherbergt eine Schlupfkajüte für zwei – mit Chemie-WC und „Hockhöhe“

Daycruiser / Overnighter: ein bisschen Platz draußen, ein bisschen Platz drinnen, hier mit durchgehender Motorklappe über dem Innenborder

Unter der Dachluke auf dem Vordeck verbirgt sich die Schlupfkajüte mit i.d.R. einer V-Koje für zwei (ggfs. mit zusätzlicher Gästeritze für ein Kind), ein Chemie-WC unter den Polstern und Platz für eine Kühlbox. Das hat mit Fünf-Sterne-Komfort nichts zu tun, verlängert aber die Reichweite für Touren auf mehrere Tage. Ein sogenanntes (optionales) „Camperverdeck“, das die Plicht papamobil-mäßig mit einem (Klarsicht-)Zelt überdacht, schafft einen trockenen Raum mit Stehhöhe und Tischchen. Bei uns sind das Fensterflächen, die das Bimini-Top (s. Foto) mit dem Oberdeck verbinden und regenfest abschließen. So etwas bedeutet zwar immer Rüstaufwand, aber holt das Bestmögliche an Wohnkomfort aus 6 Meter Trailerboot heraus.

Je ausgeprägter die Kajüte ist, desto bequemer wird sie und desto weniger sportlich sieht das Boot aus – auf die Fahrleistungen hat das aber erstmal keine Auswirkungen. Wieviel sportliche Optik man der Stehhöhe in der Kajüte opfern mag, muss jeder selbst wissen.

Trailerboote: Konsolenboot / Center Console

Noch konsequenter für schönes Wetter gebaut als der Bowrider ist das Konsolenboot. Es kommt aus dem Angelsport, bei dem eine zentrale Sitzposition und gute Rundumsicht von besonderer Bedeutung sind. Diese Trailerboote kombinieren einen großen Innenraum mit einer zentralen Steuersäule, die – je nach Gesamtgröße des Boots – mit einer ein- bis zweisitzigen Sitzbank und gegebenenfalls einer weiteren Sitzmöglichkeit vor der Säule kommt:

Centerconsole / Konsolenboot: praktisch vor allem für Angler

Die Freifläche vor der Steuersäule ist häufig zwischen Rundsitzgruppe und gepolsterter Liegefläche umbaubar. Konsolenboote gibt es erst ab einer gewissen Größe mit Innenborder, sie sind häufig auch in großen Größen mit Außenbordern (gern auch zwei) ausgestattet.

Sie sind bei Anglern besonders beliebt, weil man damit schnell und trocken auch bei rauher See zu den guten Fischgründen kommt und vor Ort gut allein oder zu zweit angeln kann. Auch für Tages- und Badeauflüge auf dem Wasser sind sie gut geeignet, viele Charterboote sind Konsolenboote. Das liegt auch daran, dass sie relativ unempfindlich sind: während ein Kajütboot oft mit Teppich und hochwertigem Interieur ausgestattet und entsprechend wetterempfindlich ist (und bei Wetter großflächig abzudecken ist), sind Konsolenboote eher Arbeitsboote. Das oben abgebildete Boot liegt so im Hafen (zugegebenermaßen auf Menorca) – da wird nichts umständlich abgedeckt! Das Cockpit ist selbstlenzend und läuft nach einem Regenguss einfach wieder trocken. Manche Eigner haben sogar nur eine (Sonnen-)Schutzhülle über der Steuersäule. Entsprechend robust sind die Oberflächen und Polster ausgelegt.

Konsolenboote in allen Größen

Konsolenboote gibt sie auch schon „in klein“: die Quicksilver 505 ist mit 5,07m Länge und 660kg Trockengewicht (ohne Motor) zur Not mit 1.200kg Anhängelast zu trailern (60PS Motor: 118kg, 1.300kg-Trailer: 300kg) und ermöglicht damit auch Trailerboote (antriebsabhängig) hinter einem BMW 1er, Citroen C3, Ford Focus, Nissan Qashqai oder sogar einem VW Polo (Übersicht der Anhängelasten bei auto-motor-sport).

Wer sich dafür interessiert: Konsolenboote sind relativ einfach zu chartern, sogar auf der Ruhr / dem Rhein: ruhr-boote.ruhr. Billiger kann man nicht erfahren, ob ein solches Boot zu den eigenen Vorstellungen passt.

Trailerboote: Walkaround

Wer jetzt denkt: „Konsolenboot mit viel Platz draußen ist schon cool, wenn da jetzt noch eine Mini-Kajüte für Chemie-WC und 2 Schlafplätze wäre …“, der braucht ein Walkaround. Vom Konsolenboot abgeleitet, aber mit etwas erhöhtem Vordeck und insgesamt nicht in kleinen Größen verfügbar, „versteckt“ es unter der Steuersäule und dem Vordeck eine mehr oder weniger vollständige Kajüte. Das Ergebnis ist ein weiterhin sehr rauhwassertaugliches Spaßboot mit viel Platz draußen. Auf dem kann man aber eben auch mal eine Nacht oder zwei verbringen – dann mit noch mehr Komforteinschränkung als auf einem gleichgroßen Kajütboot:

Walkaround: ein Konsolenboot mit erhöhtem Vordeck, unter dem eine Kajüte Platz findet

Typische Vertreter der Walkarounds sind die Jeanneau Cap Camarat der WA-Reihe. In der Version mit 8,5m schwerlich und in 10,5m sicher nicht mehr trailerbar, gibt es sie auch in 5,5m und 6,5m Länge. In der Version mit blauem Rumpf und Teakdeck machen sie auch optisch richtig was her.

Walkarounds sind die perfekten Trailerboote für mehrtägige Angelausflüge und für all jene, die fast immer Tagesausflüge unternehmen, aber eben auch dann und wann an Bord übernachten können wollen.

Trailerboote: Pilothouse

Das Thema Angeln noch konsequenter umgesetzt, wenn auch in die andere Richtung, haben Pilothouse-Boote. Sie verzichten bewusst auf die sportliche Optik eines Sportboots, zugunsten einer Kajüte mit Stehhöhe (und oft Papamobil-Anmutung). Sie sind damit signifikant wetterbeständiger als alle anderen Typen, bei denen mindestens der Skipper im Regen steht (oder unter einem Camperverdeck):

Pilothouse: merkwürdige Optik, aber wetterfest und viel Innenraum selbst auf wenig Länge

Dessen muss man sich bewusst sein: für einen Tag mit Nieselregen auf der Ostsee zum Dorschangeln ist es sicherlich der geeignetste hier vorgestellte Bootstyp. Und eine Saison mit einem Pilothouse beginnt eher und endet später als mit den anderen. An einem brüllend heißen Sommertag wäre der Skipper aber vielleicht froh, wenn er nicht im Brutkasten stehen müsste.

Pilothouse-Boote haben in der Regel eine gar nicht so kleine Kajüte vorn, in der man auch übernachten kann.

Fazit

Wer einen Mittelklasse-PKW als Zugmaschine zur Verfügung hat und Trailerboote sucht, findet in der 21-Fuß-Klasse eine große Auswahl unterschiedlicher Bootstypen – von sportlich bis komfortabel, wenn auch immer mit Kompromissen an Größe und Gewicht verbunden. Motorgetriebener Wassersport geht also nicht automatisch mit einem Geländewagenmonster als Zugfahrzeug einher. Was für den einzelnen im Vordergrund stehen soll – die sportliche Optik eines Bowriders, der Platz eines Konsolenboots oder der Komfort eines Daycruisers oder eines Pilothouse – das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Unsere Wahl fiel damals auf den Daycruiser, und es war eine gute Wahl. Würde ich heute erneut entscheiden müssen, käme auch ein hübsches Walkaround in die engere Auswahl.

Nachtrag 2016: We did it – aus verschiedenen Gründen haben wir den Daycruiser abgegeben, und es ist eine Centerconsole geworden: eine Quicksilver Activ 535 Open.

3 Gedanken zu „Trailerboote: eine Taxanomie

  1. Rocco

    Schöner Artikel, der fast alle Probleme und Lösungen aufzeigt. Das mit dem LKW wurde nicht angesprochen. Wäre mir persönlich aber auch nichts, kriegt man kaum Gepäck und Kinder auch nicht wirklich mit. Ein Pajero oder Terrano als Zweitfahrzeug mit Saisonkennzeichen gefällt mir momentan am besten, da muss man nicht auf\’s letzte Kilo beim Bootskauf achten.

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